So, jetzt ist meine Seite also wieder online, hab schon fast überlegt, euch mit Rundmails zu belästigen. Und dann auch noch mit so nem geilen Namen, vom feinsten. Letzte Woche war meine Arbeit ziemlich abwechslungsreich: Montag ging es mit Jugendlichen in den Wald, Bambus sammeln, aus dem später Lampen gebaut werden. Die Bambusstengelchen sind etwa so dick wie mein Knie und der Wald ein weiteres Fotomotiv, welches ich bei Gelegenheit aufsuchen werde, wenn wir im Viertel bekannt genug sind um auch mit Kamera wieder heimzukehren. Mittwoch nahm ich am Musikunterricht teil und Gesangstechnisch sind brasilianische Jugendliche auch nicht viel anders als die Deutschen, nichtsdestotrotz wurden ausschließlich zweistimmige Lieder einstudiert...mutig? Freitag Vormittag erlernte ich in einer Garteneinrichtung (mit Wohnheim für Jugendliche ohne Eltern oder mit familiären Problemen), die zwar zum Projekt gehört aber nur mit dem Bus zu erreichen ist, die Anfertigung von wunderhübschen Makramee-Blumentopfhaltern. Wer lacht bekommt so was zum Geburtstag, und zwar nicht nur eins! Die restliche Zeit half ich mit Jugendlichen in der Küche von Olinda mit, die trotz ca 10 Zahnlücken für jeden Spaß zu haben ist und ständig hilfsbereit mein portugiesisches Küchenvokabular trainiert, so kenne ich z.B. den Namen eines Schnittlauch-Petersilie-Bündchens: "cheio verde" und auch sonst gibt es da wirklich immer etwas zu lachen. Ach ja, a propos Zähne: auf Zahnhygiene wird sehr geachtet und alle, Jugendliche wie Mitarbeiter, sieht man nach jedem Essen fleißig am bürsten.
Diese Woche habe ich dann mit meinem Englischunterricht begonnen, davon bei anderer Gelegenheit mehr.
Letzten Montag trainierten wir zum ersten Mal in der Capoeiragruppe mit. Dienstag konnten wir dann nicht gehen und Mittwoch war wieder Training. Das ganze steigt barfuß auf einem Betonbolzer sowie in einer Schule und macht echt Spaß. Für die ersten 3 Stunden haben wir uns prima geschlagen, aber wenn hier so mancher Typ mit seinen Sprüngen anfängt... Holla die Waldfee! Einen Einstieg in einer solchen Gruppe findet man leicht, da alles - 5 bis 40 Jahre - gemeinsam trainiert und sich zwischendrin je nach Schwierigkeit der Übungen aufteilt. Auch sonst sind wir inzwischen sportlich aktiv geworden, denn vorletztes Wochenende hab ich mal ein Ründchen mit den Leuten hier gekickt. Ein Foto vom Fußballplatz folgt auf jeden Fall noch, den muss man gesehen haben. Naja, und ich hatte an dem Tag ein relativ glückliches Füsschen, sodass man ab jetzt jedes Wochenende dort spielen will und zu den obligatorischen Fragen, die man zu Beginn täglich von dem ein oder anderen Dutzend Leuten gefragt wird (Wie heißt du? Wie alt bist du? Hast du eine Freundin? Welcher Religion gehörst du an? Beim tapferen Amani auch: Wieviele Kinder hast du?) eine weitere gekommen ist: Wie heißt dein Fußballteam? Hier ist aber nur "Bayern Munich" bekannt und so war auch "Hintertuttlingen" eine mit wissendem Nicken aktzeptierte Antwort.
Sehr prima ist die Gastfreundschaft der Brasilianer. So wurden wir auch diesen Sonntag wieder zum Mittagessen eingeladen, diesmal von Silvana. Im Laufe des Nachmittags erfuhren wir dann auch irgendwann, dass sie Geburtstag hat... Hätte sie ja mal vorher sagen können, aber wer will schon 32 werden. Davon aber nicht verwirren lassen, sie zählt in der Familienaufstellung trotzdem als Tochter. Bei derart festlichen Essen muss auch ich irgendwann kapitulieren. (Merke für Brasilien: halbsatt Essen, die Mahlzeit zu Recht in den Himmel loben und betonen, dass man gleich platzt. Dann dreiviertelsatt essen und sich zu noch etwas mehr überreden lassen. Den letzten Schritt wiederholen bis man etwa doppelt satt ist und wirklich gleich platzt. Und dann kommt erst der Nachtisch - die Betonung liegt auf "Disch", lautmalerisch im Sinne von "umhauen" Alles ist in sehr lustiger und lockerer Atmosphäre und in der kleinsten (!) Küche finden 4 Geschwister, Eltern, Großeltern, Tante mit Tochter, ein kleiner lustiger hyperaktiver katholischer Priester und ein paar Gäste Platz. Und ja, bis auf die Gäste wohnen da auch alle. Grundfläche der Wohnung, die hier aufgrund des vorhandenen Putzes zu den schönsten gehört: Joar, so in etwa unsere Garage plus Hühnerstall.
In Deutschland ist es schon sehr ungewöhnlich, wenn man einer Einladung zum Mittagessen gleich bis 18 Uhr folgt, hier rutscht der Mutter eher ein "was, ihr geht schon?" raus und man wird freudig bis halb 9 dabehalten. Sehr paradox war es dann, hier im Favela auf einem Balkon zu sitzen und Fotos von einem Urlaub in Köln und Bonn anzugucken. Jedes Angebot, irgendwo ein wenig mitzuhelfen oder sich auch nur selbst einzuschenken wird übrigends vehement abgewiesen. In Brasilien sei das nämlich beim ersten Besuch so und sonst würden die Gäste nicht wiederkommen. Und so.
Ansonsten kommt allmählich der Frühling und vorbei sind die Zeiten, in denen uns bei bitterster Kälte Brasilianer ungelogen mit Jacke, Schal, Mütze und Handschuhen vor der Nase herumlaufen, selbst ich musste manchmal mein Fliesjäckchen zücken. Bitterste Kälte ist hier unter 15 Grad, Nachts auch mal ~ 7°C. Zwischendrin hatten wir jedoch herrliches Wetter mit tagsüber um die 25 Grad im Schatten und Montag gab es dann Nebel. Den gibt es aufgrund der Lage öfters, aber der am Montag hat mal alles in den Schatten gestellt. In Schland ist Nebel ja schon, wenn man auf 100 m Entfernung leichte Schlieren vor dunklen Objekten ausmachen kann. Hier konnte man alle Objekten jenseits von ~7 m Entfernung im besten Fall als leichte Schlieren ausmachen. Zur Veranschaulichung: du gehst beachen und siehst den Gegner nicht, obwohl er unerwarteterweise auch pünktlich auf dem Platz war. Der Nebel war sogar im Essensraum des Projekts und die Autos waren wenn überhaupt, dann laut hupend unterwegs, um im Schritttempo niemanden umzunieten... könnt euch ja mal das Nebelfoto angucken. Das ganze war auch kein Jahrhundertphänomen sondern tritt hier andauernd auf, wie man inzwischen festgestellt hat.
Komisch ist hier aber auch noch der Tag-Nacht-Übergang. Zum einen spielt er sich schon jeweils um 6 Uhr ab, zum andern dauert er 20 min. Höchstens. Bei Gelegenheit muss ich man nachfragen, ob denn theoretisch ein brasilianisches Wort für Abendsonne existiert, denn so nah am Äquator tritt dieses Phänomen ungefähr so oft auf wie Schnee. Im Sommer werden aber auch hier die Tage länger und so dürfen wir uns auf rund 30 Minuten mehr Licht in beiden Richtungen freuen.
So long, viele Grüße,
Jojo

Wort zum Donnerstag: glaubt bloß nicht, dass das alles ist was hier so passiert... ich weiß gar nicht mehr, womit ich anfange und was ich alles schreiben soll weil das einfach so viel ist...

23.9.06 15:23

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


nils (23.9.06 15:29)
Das hoert sich ja mal mehr als interessant an!
Du musst unbedingt mal ein paar Rezepte hier reinstellen, damit man die mal nachkochen kann ;-).


Jule (23.9.06 15:30)
hey cool, man hört ma wieder (bzw sieht) was von dir! dir scheints ja super zu gehen und dafür daumen hoch! sei weiter schön fleißig!
knutschi

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